Blogbeitrag

14 | 082010

Deutschland und der angebliche Fachkräftemangel

Geschrieben von um 23:04 Uhr

Was ich nicht nachvollziehen kann ist die momentane Diskussion über den angeblichen Fachkräftemangel hier in Deutschland. Da wird ernsthaft immer noch drüber nachgedacht, wieder auf ausländische Fachkräfte zurückzugreifen, anstatt den vorhandenen Bestand an Facharbeitern zu nutzen oder den Nachwuchs zu stärken. Dabei ist es nicht einmal so, dass es keine Fachkräfte in Deutschland gibt, sie werden nur nicht erkannt von der Industrie. Aber warum ist das so?

Gerade was die IT-Branche betrifft, ist in meinen Augen ein erschreckender Trend zu beobachten. Man muss sich nur einmal fragen, wie der Begriff „Fachkraft“ in vielen IT-Unternehmen definiert wird. Ich weiß zwar nicht, wie es zu früheren Zeiten war, da ich ja noch nicht so lange aktiv in der Branche tätig bin, kann ich nur die letzten 4 Jahre beurteilen. Doch in dieser Zeit habe ich mir meinen Eindruck verschafft und auch feststellen müssen, dass nicht alles Gold ist was glänzt.

Erwerben von Zertifikaten

Eine Fachkraft wird vor allem über die erworbenen Zertifikate definiert. Und gerade in der IT-Branche gibt es schier unendliche Möglichkeiten, sich diverse Zertifikate anzueignen. Dabei sind viele firmenspezifische Zertifikate zu finden, wie z.B. von Microsoft, Cisco und diversen anderen Unternehmen. Hier kann man sich einmal einen Überblick verschaffen über die geläufigen Zertifikate.

Grundgedanke dieser Zertifikate ist, einen Nachweis zu bekommen für die richtige Ausführung bestimmter Arbeitsvorgänge oder die Konfiguration spezieller Hardware oder Netzwerke. Ein Serveradministrator z.B. sollte einen oder mehrere Server im Firmennetzwerk so betreuen können, dass dieser richtig abgesichert ist und die installierten Dienste einwandfrei laufen. Da es aber mittlerweile etliche Möglichkeiten gibt, einen Server im Netzwerk bereitzustellen, sollte man sich hier als Serveradministrator irgendwann auf einen bestimmten Kreis an Möglichkeiten spezialisieren. Alleine die Möglichkeit, verschiedene Betriebssystemplattformen zu nutzen gibt hier einen entscheidenden Weg vor, als Beispiel Microsoft Server und eine der zahlreichen Linux-Distributionen.

Das Problem bei vielen (nicht allen) Zertifikaten ist, dass sie nicht unbedingt aussagen, ob der Besitzer auch wirklich Ahnung hat von dem zertifizierten Thema. Als Beispiel kann ich hier mal die Microsoft-Zertifizierung MCITP – Enterprise Administrator in den Raum werfen, da ich selbst gerade dabei bin, dieses Zertifikat zu erwerben.

Um dieses Zertifikat zu erwerben, muss man sich umfangreiches Wissen zur Erstellung eines Netzwerkes  und Umgang mit Microsoft Windows Server 2008 aneignen. Hat man dies geschafft und legt die Prüfung erfolgreich ab, dann sollte man laut Zertifikat keine Probleme haben mit den angesprochenen Punkten. Es ist aber hier deutlich zu unterscheiden, diese Vorgänge in schulischer Umgebung zu simulieren und in einer vorhandenen Umgebung in einem Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Denn eine in der Schule/Weiterbildung aufgebaute Serverumgebung hat nichts mit einem Unternehmensnetzwerk zu tun, da dort nie optimale Umgebungen vorhanden sind. Und gerade die nicht so optimalen Umgebungen machen die eigentliche Berufserfahrung aus, indem man für die exotischsten Probleme Lösungen finden muss.

Die Berufserfahrung

Wer aber nun schon in früheren Jahren mit Microsoft Servern zu tun hatte und sich dabei durch die jahrelange Benutzung in Themen wie „Active Directory“ oder „Gruppenrichtlinien“ hineingearbeitet hat, der wird auch nicht viele Probleme haben, sich an die neue Servervariante 2008 zu gewöhnen, denn die Grundlagen dafür bleiben die gleichen. Wer aber nun kaum bis keine Erfahrungen hat, einen solchen Server und die Umgebung zu betreuen, der hat vermeintlich erst einmal seine Probleme, ein passendes Zertifikat abzulegen. Aber dem ist nicht so. Denn die Zertifikatsprüfungen laufen nach einem „Multiple-Choice Verfahren“ ab, man bekommt eine Frage gestellt und muss sich eine oder mehrere passende Antworten aussuchen, die einem vorgegeben werden. Wenn man nun nicht ganz auf den Kopf gefallen ist und in der Ausbildung ein wenig aufgepasst hat, dann stellen diese Fragen keine große Hürde dar.

Nun sollte man meinen, dass sich hier die Spreu vom Weizen trennt und es sich zeigt, wer hier eine Fachkraft ist und wer nicht.

Falsch gedacht.

Denn hier kann jeder bestehen, der gut ist im auswendig lernen. Denn die Prüfungsfragen zu den einzelnen Modulprüfungen sind in nahezu unveränderter Form im Internet zu finden und teilweise bekommt man diese sogar bei der Weiterbildung zur Verfügung gestellt. Man muss also nur diese Fragen pauken und hat so schon eine sehr große Chance, auch ohne theoretisches oder praktisches Fachwissen zum Zertifikat zu kommen.

Nun stelle ich mir eine einfache Frage:
Welchen Wert hat ein so erworbenes Zertifikat?

Das Schlimme daran ist aber, dass mittlerweile viele potentielle Arbeitgeber zuerst auf erworbene Zertifizierungen achten, bevor sie überhaupt die Berufserfahrung näher beleuchten. Und so kann es auch sehr erfahrenen Arbeitnehmern schnell passieren, dass sie von einem eher unerfahrenen Mitbewerber ausgestochen werden, nur weil dieser im Besitz bestimmter Zertifikate ist. Ob dieser unerfahrene Mitbewerber dann eine aussichtsreiche Zukunft vor sich hat, steht auf einem anderen Blatt. Aber er hat der erfahrenen Fachkraft erst einmal den möglichen Arbeitsplatz weggenommen. Wie man sieht, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Aber es gibt zum Glück auch noch wirkliche Fachkräfte, die ein solches Zertifikat auch verdientermaßen besitzen.

Eine Bitte an die Arbeitgeber

Um hier die schwarzen Schafe auszusortieren, kann ich nur jedem Unternehmensleiter empfehlen, nicht nur auf solche Zertifikate zu achten, sondern sich auch die Zeit zu nehmen, sich die Bewerber näher anzusehen und auch die wirklichen Fähigkeiten herauszufinden. Gebt allen Bewerbern die Möglichkeit, die erlernten Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, für die sie sich bewerben, anstatt nur auf die vorgelegten Zeugnisse zu schauen. Dies kostet zwar etwas mehr Zeit, aber diese Zeit sollte es einem wert sein, wenn man dadurch vielleicht eine Entscheidung trifft, die man nicht nach ein paar Wochen bereut, nur weil man sich durch ein paar vorgelegte Papiere hat beeindrucken lassen. Und wenn man sich diese Zeit lässt, dann wird man auch feststellen, dass es mehr Fachkräfte hier in Deutschland gibt, als man denkt.

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Kommentare: 6

  1. 1

    maTTes 15.08.2010 um 01:06 Uhr

    Lustig sind auch Aussagen der Arbeitgeber: “Wir konnten keine qualifizierten Azubis finden.”
    Es dauert nicht mehr lange, dann liest man in der Stellenbörse: “Suchen Azubi mit mehrjähriger Berufserfahrung.”

  2. 2

    Stefan 15.08.2010 um 11:11 Uhr

    Ja, da ist was Wahres dran…
    Ich meine, teilweise kann ich die Arbeitgeber verstehen, denn was sich heutzutage in den Schulen abspielt, das ist auch nicht mehr feierlich und die Schulabgänger haben hier Defizite ohne Ende in den grundlegensten Fächern.
    Hier sollte vom Staat eingegriffen werden, denn so war es nicht immer.

    Aber schon heute ist die Aussage zu finden, dass junge motivierte Mitarbeiter gesuchet werden, die eine langjährige Erfahrung nachweisen können, anstatt auf ältere und erfahrenere Mitarbeiter zurückzugreifen. Und warum? Weil die jungen Arbeiter nicht so viele Forderungen stellen und beherrschbarer sind, als ältere Arbeiter. Diese sind alleine von ihrem Alter weniger wert in der Arbeitswelt. Und das finde ich traurig…

  3. 3

    Rick 21.08.2010 um 11:31 Uhr

    Der “Fachkräftemangel” ist doch ein gutes Argument, um sich seine Fortbildungsmaßnahmen oder auch die Einarbeitungszeit, der sooo schlecht ausgebildeten Ingenieure, Techniker, IT-Spezialisten, … vom Staat (Arbeitsagentur etc.) bezahlen zu lassen.

  4. 4

    Stefan 21.08.2010 um 12:14 Uhr

    Gut, dagegen ist ja auch erstmal nichts einzuwenden. Arbeitslose Fachkräfte, die über keine Zertifikate verfügen und diese machen wollen, bekommen solche Maßnahmen in der Regel vom Arbeitsamt finanziert unter den richtigen Voraussetzungen. Und diese Weiterbildung kann entscheidend sein, ob man nach erfolgreichem Abschluss wieder ins Berufsleben integriert werden kann oder nicht.

    Die Integration könnte aber generell vereinfacht werden, wenn die Arbeitgeber einfach mal etwas intensiver prüfen würden, was sie da für Bewerber vor sich sitzen haben. Denn ein Zertifikat sagt nicht immer alles über den Bewerber aus.

  5. 5

    Mac 28.08.2010 um 10:22 Uhr

    hallo zusammen,

    ja, Zertifikate ist so ein Thema was den Titel “Fachkräfte” ausmacht. Das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist meiner Meinung nach, dass die Arbeitgeber mittlerweile komplett überzogene und damit fast unrealistische Forderungen stellen. Sie wollen als Arbeitnehmer die Eierlegende Wollmilchsau!

    Aber so ist das halt bei dem Thema Angebot und Nachfrage! Da ist die Aussage von Mattes gar nicht so unrealistisch! ;-)

    Gruß
    Matthias

  6. 6

    Oli 16.05.2011 um 18:17 Uhr

    Tja, wieder mal werden wir von den da oben “vereppelt”.

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